Fang den Wind - Aktuell

Dieser Artikel erscheint in der kommenden Fang den Wind Nr. 44 .
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Folgender Beitrag stammt vom Mike Steltzer, dem Präsidenten des Bundesverbandes des deutschen Drachenfachhandels, Drachenbauer der ersten Stunde und maßgeblich an dem Aufbau und der Entwicklung der Drachenszene in Deutschland beteiligt. Mike ist Geschäftsführer der "Vom Winde Verweht"-GmbH in Berlin.
Schwarz-Rot-Gold

Mein alter Freund und Drachenbauer, der Italiener Maurizio Angeletti, sagte mir vor zwölf Jahren, er wünschte, seine Landesfahne hätte die Farben schwarz, rot und gelb, denn sie seien viel dramatischer als die seines Landes.
Dieses sagte er mir, als er mir einen "Super Reflex" Facetten Drachen in den Farben der deutschen Fahne schenkte. Diese Geste ist mir öfters durch "ausländische" Drachenfreunde widerfahren. Auch Steve Shapson von "Force 10 Kites" schenkte mir einen Schwarz-Rot-Goldenen Force-10-Lenkdelta, als er in Hoppegarten 1991 zu Gast war.
Aber es gibt da ein Problem:
Diese Farbkombination und die Fahne, die sie trägt, werden von vielen Menschen in unserem Land entweder verhaßt oder verherrlicht, ein nüchternes und historisches Verständnis für Schwarz-Rot-Gold (SRG) ist selten zu begegnen. Entweder es sind nationalistische Übertöne oder anti-deutsche Untertöne.

Als geborener Deutscher emigrierte ich in die USA, als ich fünf Jahre alt war. Meine geschiedene Mutter nahm mich mit zu ihren Eltern, die 1936 Deutschland wegen ihrer jüdischen Herkunft verlassen mußten. Siebzehn Jahre später kam ich zurück nach Deutschland, da ich nicht für Uncle Sam nach Vietnam für einen ungerechten Krieg gehen wollte. Ich ging nach Berlin, um den "Dienst" an der Waffe zu umgehen.

Bei Rückbesuchen in den USA bei Drachenfreunden fragte man mich öfters, ob ich aus Ost- oder Westberlin käme. Die Ignoranz und das offensichtliche Unwissen der Fragenden kam somit zu Tage. Die Amis kennen uns nicht, dachte ich mir.

Einige Jahre später, als Deutschland wiedervereinigt war, haben diese Amis sich riesig gefreut, sie riefen an, wollten gratulieren und von ihrer Freude berichten. Stücke von der Mauer waren die tollsten Gastgeschenke. Corey Jensen, späterer Präsident der AKA, umarmte mich und weinte vor Freude in meinen Armen.

Ist das alles sentimentaler Kitsch ?!
Als ich beim Öffnen der Mauer in Berlin über einen der Übergänge einen regenbogenfarbigen Delta mit einem tönendem Windspiel (Windchime) steigen ließ, sagte mir einen der erfreuten Westbesucher: "Der Drachen ist toll, aber muß da unbedingt Rot drin sein ?".

Nun ja, zum Farbspektrum des Regenbogens gehört nun mal auch rot (ich lernte im Physikunterricht: Roy G. Biv = Red, Orange, Yellow, Green, Blue, Indigo, Violett).

Das Farbspektrum der Deutschen Fahne ist hart: "Schwarz der Pulver, Rot das Blut, Gelb fackelt das Feuer." Revolutionäre Töne. Die Trikolore der bürgerlichen Revolution in Deutschland.

Wer die deutsche Geschichte etwas kennt, weiß, daß die bürgerliche Revolution in Deutschland (wegen 1848 und so) eine ziemlich nasse Lunte war: viel Rauch und wenig Zunder. So kämpften die fortschrittlichen Bürger für Demokratie und Menschenrechte unter der Fahne SRG, aber der Deutsche Michel ist davon nicht wach geworden. Seine Kerze war nicht stark genug gegen die umfassende Dunkelheit der deutschen Reaktion. Die am 18. März 1848 im Namen des deutschen Königs erschossenen Berliner, die für Presse und Versammlungsfreiheit demonstriert haben, die haben doch ein Zeichen gesetzt; in den Barrikadenkämpfen haben die königlichen Truppen nachgeben müssen. Der König mußte die Gefallenen ehren. Vor allem wurden viele der Ziele des Aufstandes erreicht. Es war die Fahne SRG, die von den siegreichen Bürgern gehißt wurde.

Doch von Bismarck bis Hitler sah man lieber die Farben des Deutschen Reiches. Schwarz, Weiß und Rot war die Fahne. SRG wurde verboten und verfolgt. Symbole der Freiheit war für die deutsche Reaktion eben stets ein Schreckgespenst.

Und dann lebt Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg immer noch. Unabhängig, ob Ost oder West, beide deutsche Staaten versuchten, sich an der fortschrittliche Seite der deutschen Geschichte zu orientieren und gestalten ihre Staatsfahnen mit den Grundfarben der deutschen Repulikaner (nicht zu verwechseln mit den antidemokratischen "REPS" von heute) Schwarz-Rot-Gold. Der feine ideologische Unterschied zwischen DDR und BRD ist dann eher in Hammer und Zirkel bzw. schwarzem Adler zu finden

Wenn ich dran denke, so haben beide deutsche Staaten die Würde dieser Farben mit Füßen getreten. So sollten beide Armeen , Bundeswehr und NVA, eigentlich nur zur Verteidigung da sein.
"Patriotisch" sollten sie sein. Doch die Patrioten von der CSSR mußten erleben wie die deutschen "Patrioten" der NVA sie klein machten.
Eigentlich habe ich nichts gegen das Wort Patriot, nur sollten die Patrioten der verschiedenen Nationen dieser Erde sich gegenseitig respektieren, ansonsten werden sie zu Chauvinisten und hören damit auf, Patrioten zu sein.

Auch die Westdeutschen waren nicht viel besser, oder war die bundesrepublikanische Einladung von Thieu, dem USA-Marionetten-Präsident von Südvietnam, ein Wunsch der vietnamesischen Patrioten, die für Unabhängigkeit und Demokratie gekämpft haben ?

Schon damals ekelte mich diese Haltung an. Der damalige symbolische Protest in Form der Besetzung des Bonner Rathauses im Jahre 1973 fand meine volle Unterstützung. Die Rufe der protestierenden Studenten von Berlin in 1968: "Dubcek - Swoboda - Ho-Ho-Ho-Chi-Minh" war nicht nur ein Ausdruck von internationaler Solidarität, sondern auch ein Zeigefinger auf die antidemokatische und antipatriotische Politik der beiden deutschen Staaten. Kein Wunder, daß die Staatsfahnen dieser Staaten bei vielen Menschen in Mißkredit geraten sind.

Und hier ist ein ganz entscheidender Grund für das ambivalentes Verhältnis vieler zu SRG. Die historisch fortschrittliche Bedeutung dieser Farben ist von älteren und vergangenen Generationen praktisch und subjektiv erlebt worden.
Die subjektiven Erfahrungen der jüngeren deutschen Generationen sind eher staatskritisch und somit auch SRG ablehnend. Es sind nur wenige der jüngeren Generationen, die die historisch-fortschrittliche Rolle der Farben Schwarz-Rot-Gold gegen deren Mißbrauch hochhalten wollen.

Ich glaube ernsthaft, daß die Farben SRG gleichzusetzen sind mit Selbstbestimmung, also Freiheit von Tyrannei und Fremdbestimmung.
Selbstbestimmung kann nur stattfinden auf demokratischer Weise, also im offenen und friedlichen Streit der Meinungen.

Vor einigen Jahren (1979) hatte ich ein Gespräch mit einem Vertreter von der FRELIMO (Front für die Befreiung von Mozambique). Ich fragte diesen Mann: " Wie sehen die für Einheit und Unabhängikeit kämpfenden Völker von Mozambique den Kampf des deutschen Volkes für Unabhängikeit und Einheit ? Die Völker sollten sich doch gegenseitig unterstützen !". Immerhin, unser Land war damals geteilt und durch Fremdmächte besetzt. Das zuerst sehr freundliche Gesicht des Frelimo-Vertreters wurde aggressiv und böse. Er sagte: "Wer für die Einheit Deutschlands kämpft, ist ein Revanchist und Faschist." Eigentlich sollte die Solidarität ein Zweibahnstraße sein. Dieser Vertreter, dessen Büro in Ost-Berlin war, war offensichtlich von der DDR-Propaganda verseucht.

Seitdem ich mit Drachen zu tun habe, mußte ich mit diesen Fragen auseinandersetzen. 1985 leitete ich die erste deutsche Drachendelegation nach China. Ich tat dieses im Namen des gerade gegründeten Drachen Club Deutschlands (DCD). Für die sechzehn Teilnehmer der Delegation entwarf ich ein "Happy Coat" in Schwarz mit rot-goldenen Trim am Revers. Die Rückseite der Jacke wurde versehen mit einer von mir erstellten Seidenmalerei und beinhaltete das Logo des Drachen Club Deutschlands: Drei Eddys in einer Staffel und der erster Eddy mit einem schwarz-rot-goldenen Streifen. Ich stellte eine große Deutschland-Fahne her zum feierlichen Reintragen in das Stadion von Weifang, wo die Eröffnungsfeierlichkeiten des Internationalen Drachenfestivals von Weifang stattfanden. Wir marschierten alle mit unseren Happy Coats in das Stadion: in der einen Hand einen Drachen und in der anderen Hand die deutsche Fahne.

Der erste Drachenpin in Deutschland wurde von mir für den Drachen Club Deutschland erstellt. 500 Stück wurden hergestellt: Ein türkisfarbener Kreis mit dem DCD-Logo, wie auf den Happy Coats. Auch da war Schwarz-Rot-Gold dabei.

Auf verschiedensten Reisen habe ich die deutsche Fahne in Drachen als Gastgeschenk bzw. als Zeichen der Freundschaft eingebettet.
1989 war ich in Malaysia zusammen mit Werner Siebenberg. Wir hatten zwei "Spin-Off" Lenkdrachen mit der malaysischen und deutschen Fahne gebaut und machten eine Teamflug-Vorführung.

Im Jahr 1996 leitete ich die erste deutsche Drachendelegation nach Rußland. Am 3. Oktober, dem Tag der deutschen Einheit, flogen wir eine von mir erstellten Eddy-Kette. Die Eddys waren abwechselnd in deutschen bzw. russischen Farben. Das kam sehr gut an !

Wir sollten keine Angst vor Schwarz-Rot-Gold haben. Und wir sollten dafür sorgen, daß kein Unfug im Namen dieser Farben getrieben wird. Es sind schöne Farben. Sie sind beneidenswert. Da muß man sich nicht schämen !


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©1998 Thomas-Michael Rudolph